Moderne Wirkstoffe löschen das Feuer im Darm. Aber nur vorübergehend. Es glimmt weiter. Denn der Darm entzündet immer wieder aufs Neue. Ohne medikamentösen Eingriff wird die Darmwand regelrecht zerstört. Wird der Patient nicht fachkundig behandelt, besteht gar Lebensgefahr.
Doch noch können die Mediziner die Leiden der Betroffenen nur lindern. Die "Stiftung Darmerkrankungen" will mit ihrer gezielten Förderung der in Deutschland bereits etablierten und international renommierten Crohn- und Colitis-Forschung mehr: die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen endlich heilen.
Wenn das Immunsystem vor der Zivilisation kapituliert
Anhaltender Durchfall, unerträgliche Bauchschmerzen, völlige Entkräftung: Das sind die Symptome, wenn sich der Verdauungstrakt des Menschen entzündet. Die Qualen treten ohne jede Vorankündigung auf, steigern sich in Schüben und hören ohne die Einnahme hochmoderner Medikamente nicht wieder auf. "Es ist ein nicht endendes Feuer, im Innersten des Körpers", beschreibt ein Crohn-Patient seine Leiden.
Das Inferno im Leib
Morbus Crohn ist die Entzündung des gesamten Verdauungstrakts, vom Mund bis zum After. Die entzündlichen Prozesse treten aber meist im Darmbereich auf. Hier jedoch in der Regel nicht zusammenhängend. Krankhaft veränderte und gesunde Bereiche wechseln sich ab. An den Entzündungsherden sind sämtliche Schichten des Darms befallen. Hier können sich dann Eitereinschlüsse bilden, oder die Entzündung gräbt regelrechte Gänge bis in das benachbarte Gewebe - Abszesse, Fisteln.
Bei Colitis ulcerosa ist die Entzündung ausschließlich auf den Dickdarm begrenzt. Dieser ist allerdings durchgehend entzündet.
Bei Colitis ulcerosa ist die Entzündung ausschließlich auf den Dickdarm begrenzt. Dieser ist allerdings durchgehend entzündet.
Der Aufstand gegen die "zivilisierten" Verhältnisse
Mit dem Darm entzündet gerade jenes Organ so verheerend, das rund drei Viertel der menschlichen Abwehrzellen beherbergt - die Zentrale des Immunsystems. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es diese Erkrankungen so gut wie gar nicht. Die fein austarierten Schutzmechanismen des menschlichen Organismus haben den Verdauungstrakt des Homo sapiens über Jahrhunderte stets zuverlässig gegen alle Attacken gewappnet. Das hat sich plötzlich geändert - ein historischer Einschnitt, einhergehend mit der Verbreitung des Lebensstils der westlichen Wohlstandsgesellschaften: mit dem verstärkten Konsum industriell gefertigter Lebensmittel, zunehmender Belastung durch Umweltgifte und einem "zivilisierten" Alltag aus Großmaß an Stress und mangelnder Bewegung.
Welche dieser Faktoren in welcher Dimension für den Ausbruch der Erkrankung verantwortlich sind, das gilt es herauszufinden - um Crohn und Colitis dann auch heilen zu können.
Welche dieser Faktoren in welcher Dimension für den Ausbruch der Erkrankung verantwortlich sind, das gilt es herauszufinden - um Crohn und Colitis dann auch heilen zu können.
Die genetische Disposition
Dabei müssen die Erbanlagen berücksichtigt werden. Der international renommierte Gastroenterologe und Vorsitzende des Stiftungsrates der "Stiftung Darmerkrankungen", Stefan Schreiber, hat im Jahr 2001 erstmals Krankheitsgene für die chronische Entzündung des Darms identifiziert - ein Meilenstein für die Entzündungsforschung. Aber die genetische Disposition allein erklärt die dramatische Entzündung des Darms noch nicht. Für das komplexe Phänomen muss das Zusammenwirken von Umwelt und Genetik gemeinsam verantwortlich sein.
Wenn die Balance kippt
Wahrscheinlich versucht das Immunsystem verzweifelt zu verhindern, dass schädliche Bakterien vom Darminneren in den Blutkreislauf übertreten. Die Wissenschaftler sprechen von einer "Barrierestörung", konkret an der Schleimhaut. Auffallend ist, dass bei Crohn- und Colitis-Patienten die Zusammensetzung der Bakterien, von denen im Darm mehrere Kilo vorkommen und hier auch hingehören, im Gegensatz zu gesunden Menschen erheblich verändert ist: Bestimmte Bakterienspezies, die sich überproportional vermehren, versuchen möglicherweise, neuen Lebensraum jenseits der Darmwand zu erobern. Kommen dann die zivilisatorischen Faktoren hinzu - falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Umweltgifte, Stress - "kippt der Darm um wie ein Klärwerk und mobilisiert sämtliche Kräfte der Immunabwehr", so Stiftungsrat Schreiber. Das Ergebnis: Die nicht enden wollende Entzündung.



